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  • Sammlung im Nationalsozialismus – Provenienzforschung im Stadtmuseum

    »Jetzt ist mehr denn je Gelegenheit, unsere stadtgeschichtliche Sammlung durch wertvolle Erwerbungen abzurunden und auszubauen; eine Gelegenheit, wie sie sich kaum je wieder so bald bieten wird.«

    So sprach sich der erste Archivleiter Karl Stenzel  für den Ankauf von Objekten für die »Stadtgeschichtliche Sammlung« im Jahr 1935 aus. Mit dieser »Gelegenheit« meinte Stenzel nichts Anderes als die Vielzahl von Kulturgut, die in Folge von zwanghaft verkauften, unter Druck aufgelösten oder vom Staat beschlagnahmten Sammlungsobjekte oder Erbstücken von Verfolgten des nationalsozialistischen Regimes auf den Kunstmarkt geschwemmt wurden. Insgesamt wurden aus der heute rund 12.000 Objekte umfassenden Sammlung mindestens 1.442 Gegenstände in der Zeit des Nationalsozialismus erworben. Seit Juni 2016 wird deren Herkunftsgeschichte und die Institutionsgeschichte im Rahmen eines vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste für 3 Jahre geförderten Projekts erforscht.

    Der Germanist und Historiker Karl Stenzel (1889–1947), der seit 1928 das Stuttgarter Archiv leitete, verantwortete damit eine Ankaufspolitik, die Vorteile aus den nationalsozialistischen Enteignungsprozesse jüdischer Menschen und anderen Verfolgter zog. Seit 1937 nahmen die Neuzugänge der Sammlung auf eklatante Weise stetig zu.

    Stenzel, der 1933 Mitglied der NSDAP wurde, verließ zum 1. Juni 1939 den städtischen Dienst in Stuttgart. Von dort aus ging seine Karriere im Nationalsozialismus stetig aufwärts. Er war später in hohem Maße an der Beraubung des Eigentums der jüdischen Bevölkerung im Elsass beteiligt.

    Auch unter Stenzels Nachfolger Hermann Vietzen (1902-1984) herrschte eine ähnliche Ankaufspolitik, die von der Stadtpolitik aktiv unterstützt wurde. Mit dem Stellenwechsel wurden beispielsweise zwei große Konvolute Gebrauchssilber bestehend aus Leuchtern, Bechern und Bestecken erworben, die Juden im Zuge der NS-Raubpolitik zwanghaft abgeben mussten.

    Die Sammlungsleitung pflegte zudem einen intensiven Austausch mit Händlern, die nachweislich mit jüdischem Besitz handelten. Der Verdacht liegt nahe, dass dabei auch vor verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgütern nicht Halt gemacht wurde. Nicht zuletzt zeugen Ankäufe wie der »Große 8flammige Kerzenlüster aus der Stuttgarter Synagoge« im Jahr 1940 von einer bedenklichen Erwerbslage von Teilen der Sammlung.

    Die personellen Kontinuitäten der nationalsozialistischen Vergangenheit lassen sich noch bis in die späten 1960er Jahren aufzeigen: Am 1. Mai 1957 trat Vietzen, nachdem er wegen seiner Zugehörigkeit zur NSDAP am 29. September 1945 den städtischen Dienst verlassen musste, erneut das Amt des Stadtarchivleiters an. Dieses führte er bis zu seiner Pensionierung 1968 aus.

    Die bisherigen Recherchen zur Provenienzgeschichte der 1.442 Objektkonvolute ergaben, dass mindestens 4 Konvolute einen NS-verfolgungsbedingten Entzug aufweisen. Sie sind bei LostArt gemeldet. Über 343 Objektpositionen zeigen einen deutlichen Verdacht auf Raubgut, da sie u.a. von Händlern eingeliefert wurden, die Versteigerungen von jüdischem Kulturgut vornahmen oder von Institutionen stammen, die mit Deportationsgut handelten. Knapp 2 Prozent der Objekte können vom Verdacht eines verfolgungsbedingten Entzugs freigesprochen werden. Über 75 Prozent der Fälle sind noch offen. Hieran wird in den nächsten 24 Monaten weiter geforscht.

  • Logografik »Deutsches Zentrum Kulturgutverluste«
    Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste fördert das Projekt zur Provenienzforschung im Stadtmuseum Stuttgart.
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  • Ein geöffnetes hölzernes Tafelklavier mit schwarzer Klaviatur, freigestellt vor weißem Hintergrund
    Dieses Tafelklavier mit englischer Mechanik wurde 1790 von dem Klavierbauer Philipp Jakob Warth aus Untertürkheim erbaut. Das Objekt kam 1938 als Geschenk in die »Stadtgeschichtliche Sammlung«. Es wurde 1902 von dem Stuttgarter Pianofabrikant und Instrumentensammler Karl Pfeiffer dem Landesgewerbemuseum gestiftet. Von dort aus kam es in die Sammlung des heutigen Stadtmuseums. Ein verfolgungsbedingter Entzug kann somit ausgeschlossen werden.
  • Ein auf den Hinterpfoten stehender Löwe aus Silber. In den Vorderpfoten hält er zwei blattförmige Schilder mit Gravuren. Links Text und rechst ein verzierte Portraitgrafik.
    Der Löwenbecher der Stadt Stuttgart, ein Silberpokal in Form eines Löwens, wurde 1648 von Bürgermeister Wolf Friedrich Lindenspür (1581–1651) als Teil der Lindenspür-Mahlzeit gestiftet. Lindenspür verfügte, dass aus dieser Stiftung eine jährlich auszurichtende »christliche und ehrliche Mahlzeit« ausgegeben werden sollte. Für den Umtrunk stiftete er diesen von Jeremias Pfeffenhäuser (1617–1677) gefertigten Becher. Der Pokal gehört zum Ratssilber der Stadt Stuttgart. Am 17. Juli 1934 wurde er aus der Kanzlei des Bürgermeisters in die »Stadtgeschichtliche Sammlung« übergeben. Ein Verdacht auf NS-Raubgut kann ausgeschlossen werden.
  • 6 Silberleuchter unterschiedlicher Stilrichtungen, die versetzt in zwei Reihen stehen
    Diese Silberleuchter stammen aus jüdischem Besitz. Sie wurden 1939 von der Städtischen Pfandleihanstalt für die Sammlung angekauft. Aufgrund der reichsweiten »Anordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden« vom 21.02.1939 im Zuge der NS-Raubpolitik wurden deutsche Juden zur Abgabe von Schmuck, Kunstwerken und Wertgegenständen bei den Pfandleihanstalten gezwungen. Sie durften über den Gegenwert der Objekte nicht bestimmen. Die Objekte sind auf der Website LostArt gemeldet.
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  • Ein Holznähtisch mit Schublade und geschwungenen Beinen und goldfarbenen Metallverzierungen an Schloß und Beinansatz. Fotografiert vor weißem Hintergund.
    Bei einer Versteigerung des Stuttgarter Kunsthändlers Otto Greiner erwarb das Archiv der Stadt Stuttgart dieses »Biedermeier-Nähtischchen« für 32 Reichsmark. Greiner, der im Nationalsozialismus Auktionen über jüdischen Besitz im Auftrag der Gestapo veranstaltete, wurde in mehreren Fällen der Handel mit verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut nachgewiesen. Dieses Tischchen gehörte Leonie von Steffens (1876–1954) aus Feldafing am Starnberger See. Bisher konnten keine Hinweise gefunden werden, dass der Verkauf unter verfolgungsbedingten Umständen zustande kam.
  • Eine grüne Karteikarte mit handschriftlichen tabellarischen Notizen.
    Von dem »Großen 8flammigen Kerzenlüster«, der aus der Stuttgarter Synagoge stammt, fehlt heute jede Spur. Am 22.04.1940 wurde er in Höhe von 130 Reichsmark für die Stadtgeschichtliche Sammlung erstanden. Wie er dorthin kam, ist noch unklar. Bei der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden die Einrichtungsgegenstände der Synagoge von der Gestapo an verschiedene Althändler verteilt, die sie weiterverkauften oder einschmelzen ließen. Ob der Leuchter über diesen Weg in die Sammlung kam, konnte noch nicht nachgewiesen werden. Da das Objekt bis heute nicht wieder aufgefunden werden konnte, muss es bis auf Weiteres als verschollen gelten. Die Verlustumstände sind ungeklärt.
  • Ein Torten-Diagramm zeigt die Zuordnung der Sammlungsobjekte bezüglich deren Herkunftsgeschichte nach den Attributen belastet (0,2%), bedenklich (23,7%), offen (75,9%) und unbedenklich (1,9%).
    Kreisdiagramm: Einstufung der 1.442 Objekte nach Farbskala, Stand der Auswertung Mai 2017
    Das erste Zwischenfazit der Provenienzforschung am Stadtmuseums zeigt, dass von den 1.442 in der Zeit von 1933 bis 1945 angekauften Sammlungsgegenständen, nur 28 Konvolute eine eindeutig unbedenkliche Herkunftsgeschichte aufweisen. Ein Großteil der Objektgeschichten ist noch offen. Bisher konnten 4 Objektgruppen eindeutig als NS-Raubkunst identifiziert werden.

Ausdruck vom 24.09.2017
http://www.stadtmuseum-stuttgart.de/sammlung-ns.html