• Durchleuchtet! Der Ameisenbär wird geröntgt.
  • Unser neuer Vitrinenbewohner: der Ameisenbär aus dem Nillschen Tiergarten.
  • Ist er nicht süß?
  • Ordentlich beschriftet - der Somalistrauß!
  • Nicht unser größtes Objekt - aber dennoch ziemlich beeindruckend: der Somalistrauß.
  • Vorher-Nachher-Show für den Auftritt im künftigen Stadtmuseum!
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Exotik im Ländle (Teil 2 – Wildtiere im Museum)

Nachdem ihr in Teil 1 meines Gastbeitrags hier im Stadtmuseums-Blog lesen konntet, wie mit dem Nillschen Tiergarten die Exotik nach Stuttgart kam, werdet ihr im Teil 2 erfahren, was aus der Exotik geworden ist und wo man sie heutzutage erleben kann.

Sicherlich standen im 19. Jahrhundert die Besucher des Nillschen Tiergartens genauso staunend vor den exotischen Tieren, wie Besucher der Museen jetzt vor den Präparaten aus dieser Zeit.

Zwei der präparierten Tiere des Nillschen Tiergartens durfte ich im Rahmen meiner Master Thesis im Sommer 2016 in Zusammenarbeit mit und im Naturkundemuseum Stuttgart restaurieren. So kam ich also nicht „auf den Hund“, aber auf einen Somalistraußen (präpariert 1886) und einen jungen Großen Ameisenbären (präpariert 1898). Sie stammen aus der Zeit, in der Friedrich Kerz der Präparator am Königlichen Naturalienkabinett Stuttgart war. Beide Präparate sollen neue Bewohner des Stadtmuseums werden, um dort den Nillschen Tiergarten als Stadtgespräch wieder aufleben zu lassen.

Man weiß, dass die Ameisenbärmutter fünf Babys zur Welt gebracht hatte, von denen drei nach wenigen Tagen starben, eins halbwüchsig wurde und das letzte ausgewachsen verkauft werden konnte. Eins dieser Baby Ameisenbären stand nun also vor mir.

Etwas zu mir: Ich habe „Konservierung und Restaurierung von archäologischen, ethnologischen und kunsthandwerklichen Objekten“ – kurz Objektrestaurierung – an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste am Killesberg in Stuttgart studiert. Die Objektrestaurierung ist schon ein weites Feld, da man mit Materialien von Haut, Knochen, Fell und Federn genauso wie mit Metallen, Glas, Keramik oder Wachs, Bernstein und Elfenbein zu tun bekommt. Des Weiteren gibt es Vorlesungen zur Chemie, und Physik. Vom Teetässchen, über des Häuptlings Baströckchen bis hin zu einem römischen Schwert muss ein Restaurator sich mit jedem Material und Erhaltungszustand auskennen, um es langfristig konservieren und restaurieren zu können. Darüber hinaus jedoch auch noch präparierte Tiere mit in diese Auflistung aufzunehmen, ist nahezu ebenso exotisch wie die lebendigen Tiere damals selbst es waren.

Wie mit jedem exotischen Objekt, sei es ein ethnologischen Zeremonialstab oder ein archäologisches Gefäß, beschäftigte ich mich zunächst mit dem Zweck eines Präparats als Objekt der Restaurierung. Natürlich liegt dieser Zweck darin, ein Abbild des lebendigen Tieres zu sein und somit den Besuchern des Museums evolutionäre und biologische Fakten näher zu bringen, bzw. einfach die Begeisterung für die schützenswerte Vielfalt der Natur zu wecken. Dafür ist es nötig, dass die Präparate sehr lebensecht und naturnah aussehen.

Historische Präparate jedoch sind oft nicht mehr mit dem neusten Stand der Präparationstechnik zu vergleichen, manchmal fehlt ihnen die anatomische Korrektheit und häufig haben sie Alterungsspuren wie Risse, Brüche, Deformierungen und den allgegenwärtigen Staub der Jahrhunderte, der auf ihnen lastet.

Sind diese gealterten Präparate damit überhaupt in der Lage den eben genannten Zweck zu erfüllen? Naja, nur bedingt, aber das sollten sie auch nicht müssen. Diese Präparate haben eine neue Wertedimension erhalten und zwar eine historische Bedeutung. Die beiden Präparate waren sozusagen Stuttgarter Persönlichkeiten. Das macht aus einem alten, eingestaubten und vielleicht sogar beliebigen Somalistrauß eben den einzigen, präparierten Strauß aus dem Nillschen Tiergarten. Genau deshalb darf man Alterungsspuren und Vorstellungen sowie Fähigkeiten der damaligen Präparatoren sehen.

Eine restauratorische Vorgehensweise an solchen Präparaten darf also lediglich eine Sicherung des Bestandes darstellen bzw. die „Lesbarkeit“ des Objekts wiederherstellen bzw. erhöhen. Eine Reinigung entfernt kratzende und eventuell hygroskopische („Wasser anziehend“) Partikel, die den organischen Materialien schaden könnten. Darüber hinaus werden beispielsweise Risse geschlossen, damit sich diese nicht fortsetzen. Dabei darf aber keine Veränderung des Tieres, also kein Eingriff in die äußere Erscheinungsform des Präparates erfolgen.

Organische Materialien (Haut und Haare) sind trotz des Alters immer noch flexibel. Durch ihre hygroskopischen Eigenschaften können sie Feuchtigkeit aus der Luft aufnehmen und abgeben, dabei quellen und schrumpfen sie. Alle Restaurierungsmaterialien wie Klebstoffe, Füllstoffe und Hinterlegungen sollten dieses Spiel mitmachen und ebenfalls elastisch sein. Deswegen muss hier eine überlegte Auswahl aus Kunst- und Naturstoffen getroffen werden, wobei entsprechend der Gefährdung historischer Häute durch Wasser, dieses als z.B. Lösungsmittel für Klebstoffe ausscheidet.

Einige Abbildungen der Präparate sind hier schon zu sehen, aber die restaurierten Originale des Somalistraußweibchens und des Großen Ameisenbären Babys können ab Frühjahr 2018 als Dauerleihgabe im neuen Stadtmuseum in einer der größten Vitrinen besichtigt werden.

So werden die Stuttgarter hoffentlich wochenends ein neues Ausflugsziel haben, wenn es heißt „Auf ins Stadtmuseum“.

Harriet Langewellpot, Objektrestauratorin M.A.

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