• Plakat des Nillschen Tiergarten
  • Ausschnitt des Titelblatts zur Festschrift zum 25jährigen Jubiläum des Nillschen Tiergarten 1896
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Exotik im Ländle (Teil 1: Der Nillsche Tiergarten)

Seit dem 1. Juli 1871 ertönte in Stuttgart immer häufiger der freudige Ausruf „Zum Nill!“. Nach der Eröffnung des Nillschen Tiergartens vor 146 Jahren wurde dieser innerhalb kürzester Zeit zum beliebtesten Ausflugsziel der Stuttgarter. Das damals schon sehr ausgeprägte bürgerliche Engagement hat im 19. Jahrhundert mehrere Tiergärten möglich gemacht. So kam damals die Exotik ins Ländle.

Der Nillsche war bereits der dritte Tiergarten, nach der Menagerie des König Friedrichs am Stöckach (bis 1817) und dem sogenannten „Affenwerner“, einer Gastwirtschaft mit Tieranschluss des Betreibers Gustav Werner in der verlängerten Sophienstraße (bis 1872). Aber der NIllsche Tiergarten erwuchs zum erfolgreichsten dieser Tiergärten. Er hinterließ nach seiner Schließung 1906 eine große Lücke im Stuttgarter Panorama, die erst durch die zoologische Erweiterung der Wilhelma in den 1960ern wieder geschlossen wurde.

Der Gründer Johannes Nill war ursprünglich gelernter Zimmermeister. 1862 richtete er sich im Herdweg im Stuttgarter Norden eine Werkstatt und ein großes Wohnhaus ein. Der benachbarte Förster überließ dem Tierliebhaber gerne einige Tiere, die Nill in kleinen Käfigen aufzog. Nachdem sich diese Ansammlung heimischer Tiere herumgesprochen hatte und schaulustige Stuttgarter gerne wochenends vorbeikamen, eröffnete er 1866 die Wirtschaft „Zum Hirschgarten“. Schon bald darauf wimmelte es von bunten Vögeln, frechen Affen und allerlei anderen exotischen Gesellen wie Straußen und Elefanten. Freunde und Sponsoren (darunter auch König Karl) ermöglichten ihm schließlich die Gründung des ersten Zoos. Der Eintritt betrug sechs Kreuzer und war damit für jedermann erschwinglich.

Nill Senior und sein Sohn Adolf arbeiteten eng mit Gustav Jäger zusammen, dem Professor für Zoologie an der Universität Hohenheim. Er gilt als Vorkämpfer der naturgemäßen Unterbringung und baute den Zoo nach damals modernsten Möglichkeiten aus.

Peter der Elefant oder Joko und Cora die Schimpansen waren die Attraktionen des Tiergartens. Aber auch durch regelmäßige Züchtungserfolge z.B. der Somalistrauße und der Großen Ameisenbären gab es oft niedliche Neuzugänge zu bestaunen. So wurde dieser Tiergarten am Ende des 19. Jahrhunderts sicherlich das Stadtgespräch in Stuttgart.

Nach ihrem Ableben wurden einige Tiere dieses Tiergartens in das Königliche Naturalienkabinett gegeben, um dort präpariert zu werden. Der Bestand des damaligen Naturalienkabinetts ist größtenteils in die Sammlung des Stuttgarter Naturkundemuseums übergegangen.

Die im 19. Jahrhundert in der Bevölkerung entfachte Lust auf Exotik, wodurch deutschland- wie europaweit Zoos gegründet wurden, führte jedoch auch zur Erkenntnis, dass die lebendigen Tiere den Präparaten im Museum nicht sonderlich ähnlich sahen. Die Stopfpräparate von früher bestanden häufig nur aus groben Holz- oder Metallgerüsten, über welche die entfleischte Haut gezogen und anschließend mit Stroh oder Holzwolle verfüllt (ausgestopft) wurde. Dadurch, dass die Haut beim Trocknungsprozess schrumpfte, verformte sich das Füllmaterial. So war einfach kein lebensechtes Abbild des Tieres möglich.

Zum Glück kam 1859 der Präparator Phillip Leopold Martin nach Stuttgart an das Königliche Naturalienkabinett. Er war ein Vorreiter der modernen Präparation und prägte den Begriff „Dermoplastik“ maßgeblich. Sein Schüler Friedrich Kerz war Ende des 19. Jahrhunderts einer der fähigsten Präparatoren Europas. Die für damalige Verhältnisse als exotisch zu bezeichnenden Methoden sahen vor, wie ein Skulpteur zu arbeiten. Der künstliche Körper des Tieres wurde modelliert und dann entweder nochmals abgegossen, um eine Hohlform herzustellen oder direkt über ein Drahtgerüst aufgebaut. Mit viel handwerklichem Geschick wurden auf diese Weise künstlerisch anspruchsvolle Präparate gefertigt.

Aber was das alles mit dem Stadtmuseum Stuttgart zu tun hat, erfahrt ihr in Teil 2 von „Exotik im Ländle“.

Harriet Langewellpott, Objektrestauratorin M.A.

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