• Tallit - jüdischer Gebetsmantel
  • Dr. Michail Fundaminski (Foto: Edgar Layher / Jüdische Allgemeine)

Ein Gebetsmantel als Symbol für ein freies Leben: neu in der Judaica-Sammlung

Unser kurz vor Eröffnung stehendes Museum beherbergt eine reiche und vielfältige Sammlung. Ihre Objekte werden uns die Stadtgeschichte veranschaulichen und uns einen Überblick über die bedeutenden Ereignisse und Persönlichkeiten geben, welche Stuttgart zu der Stadt machten, die sie heute ist.

Um Stuttgart und seine Geschichte in allen seinen Facetten kennen zu lernen und zu verstehen was das Stadtbild heute prägt, ist es auch wichtig einen Blick auf das jüdische Leben Stuttgarts zu werfen. Dazu gehört allerdings nicht nur die unabdingbare Auseinandersetzung mit dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert. Schließlich beginnt und endet damit glücklicherweise ja nicht das jüdische Leben in Stuttgart. Genauso wie es hier seine Vergangenheit hatte, hat es hier auch seine Gegenwart und Zukunft.

Doch wie sah und sieht heute der Alltag unserer jüdischen Mitbürger und Mitbürgerinnen aus? Woher kamen sie? Welche Schicksale und Traditionen brachten sie mit? Was bewegte sie trotz der schrecklichen Ereignisse nach Stuttgart zurückzukehren oder diese Stadt als ihre zweite Heimat zu begreifen? Antworten auf alle diese Fragen können mithilfe von Judaica-Objekten gefunden werden, denn diese sind Zeugnisse jüdischen Lebens. Sie erzählen uns vielfältige Geschichten und geben uns Einblicke in das Leben ihrer Besitzer. Sie sind wichtige Geschichtsträger und müssen für die Nachwelt bewahrt werden. Deshalb legt das Stadtmuseum auch einen besonderen Wert darauf, seine Judaica-Sammlung zu erweitern. Unter den Begriff Judaica fallen sowohl Literatur zum Judentum sowie zu jüdischen Themen als auch jüdische Schriften, kunsthandwerkliche Gegenstände oder Ritualobjekte.

Einer dieser rituellen Gegenstände ist der sogenannte Tallit. So bezeichnet man den Gebetsmantel, der von Männern während des Morgengebets, der Festtagsgebete und auch zur Hochzeit getragen wird. Ein Mann kann mehrere davon besitzen und wird traditionell in ihm bestattet. Somit ist dieser ein persönliches Ritualobjekt und ein ständiger Lebensbegleiter eines jüdischen Mannes. An jeder Mantelecke befinden sich Fäden, die mehrfach geknotet sind. Diese Fäden und Knoten stehen für die 613 Gebote und Verbote der Thora und sollen den Träger dran erinnern ein gesetzestreues Leben zu führen.

Heute findet ein solcher Tallit seinen Platz in der Sammlung des Stadtmuseums. Es handelt sich dabei um den Tallit meines verstorbenen Vaters Dr. Michail Fundaminski (1950-2006). Dieser Tallit erzählt nicht nur die Geschichte von einer gelungenen Integration und vom Engagement eines jüdischen Zuwanderers, der mit seiner Familie in Stuttgart eine neue Heimat gefunden hat. Er ist gleichzeitig auch ein Symbol für ein Leben in Freiheit und in einer demokratischen Gesellschaft. Dieses wollte mein Vater sich und seiner Familie, vor allem aber mir ermöglichen und entschied sich trotz seiner Verbundenheit zu St. Petersburg nach Deutschland auszuwandern. So begann 1992 unser Leben in Stuttgart.

Meinem Vater lagen das Wohl der jüdischen Gemeinde und das jüdische Leben Stuttgarts sehr am Herzen. Seit 2001 bis zu seinem Tod war er ehrenamtliches Vorstandsmitglied der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs – das Erste aus der ehemaligen Sowjetunion. Gleichzeitig war er stellvertretender Delegierter des Zentralrats der Juden in Deutschland. Nicht zuletzt aufgrund seiner eigenen Erfahrungen sah er seine Aufgabe darin, den jüdischen Zuwandern aus der ehemaligen Sowjetunion, die Integration in die jüdische Gemeinde aber auch in die deutsche Gesellschaft zu erleichtern. Wie kein anderer verstand er die Belange dieser Menschen, die heute das jüdische Stuttgart prägen und setze sich für sie ein. Ab 2004 war er zudem als promovierter Historiker beim Stadtarchiv für die Aufarbeitung des Gemeindearchivs zuständig. Für seine wissenschaftliche Kompetenz und sein gesellschaftliches Engagement wurde er sehr geschätzt.

Katharina Fundaminski, Praktikantin im Stadtmuseum Stuttgart von Februar bis April 2017

Ich studiere Jüdische Museologie  M.A. in Heidelberg. Es freut mich, dass durch die Übergabe des Tallits an das Museum, die Geschichte meines Vaters weitererzählt und sein Andenken bewahrt wird.

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