• Das Porträt Wilhelm I. wurde von Karl Hezel an die Stadt verkauft.
  • Die Karteikarte gibt den Hinweis auf Hezel. Auf der rechten Seite wird er als Einlieferer genannt.
  • Das Gesicht von Mr. Unbekannt - ein Passfoto aus den 1920er Jahren von Karl Hezel. Quelle: STAL F 215 Bü 132
  • Briefkopf der Firma Hezel aus dem Jahr 1938 Quelle: STAL FL 300/32 I Bü 611
  • Die Todesfallanzeige von Selma Ruben. Quelle: Nationalarchiv Prag; Ohledací listy, Ghetto Terezín, Band 101, digitalisiert von dem Institut Theresienstädter Initiative

Die Suche nach Mr. Unbekannt

Für das Projekt zur Provenienzforschung im Stadtmuseum müssen viele Namen, Personen und Hinweise recherchiert werden, die anfangs noch völlig unklar sind.

Ein Weg um an Informationen über die Objekte zu kommen, ist die Recherche nach den Personen, die das Objekt verkauft haben. Denn falls die Geschäftsunterlagen dieser Kunst- und Antiquitätenhändler noch vorhanden sind, könnten sich darin die Namen der Vorbesitzer der von der Stadt Stuttgart erworbenen Objekte befinden.

Aber kann man über die wenig bekannten Hinweise überhaupt noch etwas herausbekommen? Wer verbirgt sich hinter Namen wie Burger, Hezel, Kurtz oder Müller, die beispielsweise Objekte einlieferten? Kann man die Personen noch identifizieren?

Ein Beispiel ist der Stuttgarter Altkunsthändler Karl Sigmund Hezel.
Er verkaufte zwischen 1937 und 1940 ein Wachsporträt, Porzellan-Vasen und Silbergegenstände im Gesamtwert von über 490 Reichsmark an die Stadt. Über ihn war am Anfang nicht mehr bekannt als der Namenseintrag auf den Karteikarten dieser Objekte.  Dort wird er mal nur als „Hezel“, mal als „Hezel Stuttg“ oder „Altkunst Hezel“ genannt.

Der Name ist dankbar und so konnte über die Stuttgarter Adressbücher schnell herausgefunden werden, dass seit 1923 ein Raumkunst- und Antiquitätenhändler namens „Hezel und Co.“ am Charlottenplatz ansässig war. Auch nach dem Krieg war noch eine Person namens Hezel in Stuttgart verzeichnet, nun aber unter anderer Adresse.

Im Stadtarchiv Stuttgart und im Staatsarchiv Ludwigsburg fanden sich noch mehr Hinweise zur gesuchten Person:
Karl Sigmund Hezel wurde 1874 in Kirchheim u. T. als Sohn des Kaufmanns Karl und der Mutter Berta Hezel geboren. Er war evangelisch und bis zu seinem Tod unverheiratet. Hezel besuchte bis zum 16. Lebensjahr das Realgymnasium in Stuttgart. Anschließend ging er in die kaufmännische Lehre im väterlichen Textiliengeschäft und war anschließend in der französischen Schweiz und in England tätig. Nach dem Tod seines Vaters eröffnete Hezel dann ein eigenes Unternehmen für Innendekoration- und Raumkunst am Charlottenplatz. Dieses wurde bei einem Luftangriff auf Stuttgart 1944 vollständig zerstört.

Aber wie ging es mit Karl Hezel weiter?

Drei Jahre später wurde Hezel in die psychiatrische Abteilung des städtischen Bürgerhospitals aufgenommen. Er litt seit längerer Zeit unter schweren Depressionen. Seine Ärzte berichteten genauer, dass Hezel die „Unannehmlichkeiten der Gestapo, infolge der jüdischen Abkunft seiner Teilhaberin“, nicht gut ertragen habe.
Damit war Selma Ruben gemeint, die von 1930 bis 1935 das Geschäft gemeinsam mit Hezel unter dem Namen „Hezel und Ruben“ führte.

Ihre weitere Spur offenbart das furchtbare Schicksal vieler Juden im Nationalsozialismus:  Am 16. April 1943 wurde Selma Ruben nach Theresienstadt deportiert, wo sie wenige Wochen später starb.

Daran – so legen es die Akten nahe – ist Hezel zerbrochen.
Am 28.3.1947 verließ er das Bürgerhospital für einen Spaziergang, von dem er nie wieder zurückkehrte. Einige Zeit später wurde seine Leiche in Ludwigsburg aus dem Neckar geborgen.

Die Suche nach dem anfangs kryptischen Namenshinweis „Hezel“ eröffnete somit die breite Geschichte zweier Menschen, die heute beinahe vergessen wären.
Und sie enthält viele Stellen, an denen die Provenienzforschung nun weitergraben kann. So geht aus den Archivalien z. B. hervor, dass Hezel Teile seines Handelsguts bereits während des Kriegs in das nahegelegene Kloster Bebenhausen verbracht hatte und dass er eine Kartei über seine Verkaufsgegenstände führte, die ebenfalls mit nach Bebenhausen ging. Ob diese Kartei noch existiert? Ob sich darin Hinweise auf die Vorbesitzer befinden? Die Suche hält an…

Für Selma Ruben möchte das Stadtmuseum einen Stolperstein verlegen lassen. Dafür wird ihre Geschichte ausführlich recherchiert.

 

Ein großer Dank geht an Elisa Rosenthal, die die Recherchen zu Selma Ruben und Karl Hezel aktiv unterstützt hat.

Archive:
Bundesarchiv, Gedenkbuch für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung
Nationalarchiv Prag; Ohledací listy, Ghetto Terezín, Band 101, digitalisiert von dem Institut Theresienstädter Initiative
Staatsarchiv Ludwigsburg F 215 Bü 132 Pass Karl Hezel
Staatsarchiv Ludwigsburg FL 300 31I Bü 611 Handelsregister Altkunst Hezel
Stadtarchiv Stuttgart Bestand 251/1 Bürgerhospital, Patientenakte Karl Hezel

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  1. Was für eine berührende Geschichte. Toll, dass ihr das recherchiert und auch die Idee mit dem Stolperstein finde ich großartig.

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