Emil Kahn / Fredy Linter – ein jüdischer Dirigent in Stuttgart

Am Montag war mir Emil Kahn noch völlig unbekannt. Einige kennen vielleicht den Emil Kahn, der als Lucien Bernhard berühmt wurde und als Grafiker für Bosch, Pelikan oder Faber-Castell arbeitete. Obwohl dieser in Cannstatt zur Welt kam, soll in diesem Artikel von einem Frankfurter die Rede sein. „Mein“ Emil Kahn kam am 10. November 1896 in Frankfurt/Main zur Welt. Er war Dirigent und wirkte mehrere Jahre in Stuttgart.

Begegnet ist er mir bei einem Besuch im Radiomuseum Remseck. Hier finden sich einige Schellackplatten bei denen Emil Kahn mitgewirkt hat. Dieser kam 1925 nach Stuttgart und dirigierte am „Neuen Lichtspieltheater“ am Charlottenplatz. 1928 wurde er zum Dirigenten des Philharmonischen Orchesters Stuttgart der SÜRAG (Süddeutsche Rundfunk AG). Doch Emil Kahn war Jude und damit endete seine Karriere 1933 abrupt.  In einem Schreiben vom 2.März 1933 wurd ihm vom Sender mitgeteilt:

Auf Grund der neuen Verordnung des Rundfunk-Kommisars des Reichsministers des Innern sehen wir uns veranlasst, das mit Ihnen bestehende Beschäftigungsverhältnis vorsorglich auf 30. Juni d. Js. aufzukündigen.

Sein letztes Konzert hatte er bezeichnderweise am 15. Februar 1933 in der Liederhalle gegeben. An dem Tag als Adolf Hitler zu Wahlkampfbesuch in Stuttgart war und eine Rundfunkansprache in der Stadthalle hielt. Die Übertragung der Ansprache wurde aber durch das „Stuttgarter Kabelattentat“ sabotiert. Kahn erzählt selbst zu diesem Abend:

Im Augenblick, als ich in der Liederhalle aufs Podium stieg, betraten die führenden Männer der württembergischen Regierung den Saal, marschierten durch den Mittelgang und nahmen unter Beifall des Publikums in der ersten Reihe Platz. Sie wollten zeigen, dass sie absichtlich die Stadthalle vermieden.

Emil Kahn, Familienvater von vier Kindern stand plötzlich ohne Arbeit da. In dieser Situation kam Albert Ebner, ein Industrieller, auf ihn zu und stellte ihn ein. Albert Ebner produzierte Grammophone und Schellackplatten in Stuttgart-Vaihingen. Seine Besonderheit: im Unternehmen gab es ein Tonstudio. Ebner wollte für sein Plattenlabel eine eigene Tanzkapelle und bat nun Emil Kahn, diese Kapelle aufzubauen und zu leiten. Das war seine Chance weiterhin als Dirigent arbeiten zu können und in Stuttgart zu bleiben. Dafür musste Emil Kahn jedoch seinen Namen ablegen, da dieser zu jüdisch klang. Also latinisierte er seinen Nachnamen: aus Kahn wurde Linter und aus Emil wurde Fredy. Die Tanzkapelle Fredy Linter war geboren.

Zwei Jahre lang nahm Emil Kahn mit seiner neuen Kapelle Platten auf, darunter auch Musiker aus dem Philharmonischen Orchester. 1935 verließ er Deutschland, nachdem in Nürnberg die Rassegesetze verabschiedet wurden, sah er keinen Grund mehr hier zu bleiben. Emil Kahn ging in die USA, und setzte dort erfolgreich seine Karriere als Dirigent fort. Er starb am 25. Januar 1985 in New York.

Die Aufnahme im Video stammt von 1933 und ist eingespielt von der Tanzkapelle Fredy Linter. Sie ist ein Beispiel für die zeitgenössische Tanzmusik.

Jetzt habe ich mich auf die Suche nach seinen Kindern gemacht, vielleicht kann mit deren Hilfe die Geschichte Emil Kahns ausführlicher geschrieben werden. Ich halte Euch auf dem Laufenden.

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  1. Lucian Bernhard (nicht Lucien!) war übrigens auch jüdisch, ging aber bereits lange vor der Nazi-Zeit in die USA. Das wollte ich nur kurz ergänzen. Seine Tochter Ruth Bernhard aus erster Ehe mit Gertrud Aronhold wurde eine bekannte Fotografin in den USA.

  2. Emil Kahn leitete, bevor nach Stuttgart ging, das Mergentheimer Kurorchester. (Man könnte zu der Zeit noch einige Daten herausfinden.)

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