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Mein Russland in Stuttgart – ein Text von Vera Anapolskaya

Im Jahr 2012 fand in Kooperation mit der Stadtbibliothek Stuttgart eine Erzähl-und Schreibwerkstatt für Stuttgarterinnen und Stuttgarter mit Migrationshintergrund statt. Die individuellen Erinnerungen der Workshopteilnehmer dokumentieren einen bislang kaum erzählten Teil der Stadtgeschichte. Im Folgenden eine Stadtgeschichte aus diesem Workshop:

Als ich meinen ersten Wohnsitz in Stuttgart in der Werastrasse bekommen habe, habe ich angefangen, mich für Stuttgarter und Baden-Württembergische Geschichte zu interessieren. Wer war diese Wera und warum trägt die Straße ihren Namen? Ich bin die ganze Werastraße entlang gelaufen – und noch eine Überraschung: am Schildchen steht »Olgastraße«. Welche Olga? Kam sie aus Russland? Und was gibt es in Stuttgart, das dieses Land mit Russland verbindet? Eine große Hilfe für mich sind die Büchereien geworden. Bald wusste ich schon, wer diese Wera und Olga gewesen sind. Und auch viele andere. Einmal bin ich mit U-15 nach oben gefahren, und habe in Stuttgart-Ost ein schönes Schlösschen gesehen. In einem alten Buch habe ich entdeckt: im Schlösschen befindet sich Jugendhaus-Ost. Man nennt es auch Märchenschlössle, ehemalige Villa Familie Hauff. Hauff…Diese Name kommt mir bekannt vor. Ja, genau, Wilhelm Hauff, einer der bekanntesten deutschen Schriftsteller. Bei weiteren Recherchen habe ich folgendes entdeckt: Bauherr der Villa war ein Hauff, der eine Chemiefabrik in Feuerbach hatte. Väterlicherseits war er wirklich mit Wilhelm Hauff verwandt. Weitere Überraschung kam noch. Ehefrau dieses Hauffs stammte aus der Familie von Hügel. Im Jahre 1837 heiratete Karl von Hügel ein russisches Mädchen aus Moskau – Alexandrine Werestschagina. Werestschagina war seinerseits die Kusine eines der größten Schriftstellers Michail Lermontow. Lermontow ist für Russen wie Schiller für Deutsche. Alexandrine und ihr Mann bewohnten ein Schlößchen Hochberg im Remstal. Alexandrine hatte sehr enge verwandtschaftliche Beziehungen mit ihrem berühmten Vetter. Und dieser schickte immer nach Stuttgart seine neuen Verse, Bilder. Leider starb er sehr früh mit nur 27 Jahren.

In diesem alten Buch, das mir einen ersten Anstoß gegeben hat, stand: Alexandrine Werestschagina liegt im Hoppenlaufriedhof begraben. »Ich muss sie finden, - habe ich mir gesagt. An der Tafel beim Friedhofeingang, in der Liste bekanntester Persönlichkeiten, stand keine Name von Alexandrine Werestschagina-Hügel. Ich musste den ganzen Friedhof hin und zurück laufen…Und…Stellen sie sich vor: in der Mitte des Friedhofs steht eine nicht mehr junge Dame und schreit: Hur-r-r-a-a-a-a!!! Ich habe sie gefunden! Ja, ich habe sie gefunden. Und ich habe mich vor ihrem Grab gebeugt, vor dieser Frau, die wegen ihrer großen Liebe ihre Heimat, ihre Verwandten verlassen hat. Und jetzt liegt sie hier an der Seite ihres Mannes, so weit von Russland…

Das ist noch nicht alles. Nicht weit von den Gräber Alexandrine und ihres Mannes steht ein Grab, auf dem das ganze Jahr frische Blumen liegen. An der Grabplatte steht »Wilhelm Hauff«. Für mich war das eine der schönsten Entdeckungen: hier in Deutschland, in Stuttgart haben sich zwei große Schriftsteller verschwägert: ein Russe Michail Lermontow und ein Deutscher Wilhelm Hauff.

Diese Geschichte hat mich noch enger mit Stuttgart verbunden.

Ausdruck vom 16.12.2017
http://www.stadtmuseum-stuttgart.de/281.html