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Die Brosche mit Granatsteinen – eine Geschichte aus dem letzten Krieg

Frau Erika Albert geb. Eßig (geb. 1933) hat diese Granatbrosche von ihrer Großmutter, d.h. von der Schwiegermutter (Marie Gehring-Eßig) ihrer Mutter geerbt. Die Brosche ist Teil eines Stuttgarter Familienschmucks aus dem Ende des 19. Jahrhunderts, der aus Kette, Collier, Ohrringen, Armreif, Broschen und Fingerringen bestanden hat. In der Regel wird ein solcher Schmuck matrilinear, also in der Erbfolge der Mutter, weitervererbt.

Marie Gehring-Eßig hat die Brosche allerdings von Frau Alberts Mutter, d.h. von Frau Hedwig Anna Eßig (1903-1976) an Weihnachten 1945, nach den Ereignissen des Weltkrieges, geschenkt bekommen.

Die Stuttgarterin Hedwig Anna Eßig, geb. Eberhardt selbst erbte den Familienschmuck von ihrer Mutter, Anna Luise Eberhardt, geb. Kurtz (1867-1935), diese wiederum vermutlich von ihrer Mutter Sofie Karoline Kurtz geb. Steinhardt (1843-1914); letzteres ist etwas unsicher, da die vorliegende Brosche (S 2957) aus böhmischen Granatsteinen erst aus den 1880/90er Jahren datiert. Beide, Anna Kurtz und Sofie Steinhardt, entstammten den bekannten Stuttgarter Zinngießerfamilien.

Erika Alberts Vater, Karl Friedrich Eßig, wurde 1941 als Lehrer nach Sucha in Ostoberschlesien geschickt; im Frühjahr 1942 folgte ihm seine Familie nach. Auch der Stuttgarter Familienschmuck zog mit in den Osten. Von dort musste die Familie (Mutter, vier Kinder und die Mutter des Vaters) im Januar 1945 fliehen; der Vater war als Soldat an der Ostfront. Die Frauen und Kinder kamen vorübergehend nach Krumau an der Moldau in Böhmen.

Durch den Kontakt der Schwiegermutter (Marie Gehring-Eßig) zu einem Schreiner wurde in einer grün gestrichenen Reisekiste (ca. 60x40x30cm) mit Schiebedeckel, metallenen Haltegriffen an den Schmalseiten und Schloss ein doppelter Boden eingebaut. In dieser gut verschlossenen Kiste wurde nun, im doppelten Boden, u.a. der Familienschmuck (Kurtz-Eberhardt) versteckt; man fürchtete Gepäckkontrollen, als die Familie nach dem Krieg als Reichsdeutsche wieder nach Deutschland zurückkehren sollte. Vom Auffanglager aus, in dem etwa 2000 Menschen waren, wurden ihnen am 27.7.1945 ein Zug und Plätze im Waggon Nr. 25 zugewiesen. Doch der Fußweg dorthin am nächsten Tag in der Sommerhitze erwies sich als sehr weit.

Erika Albert, die Älteste der Geschwister, war damals 12 Jahre alt; alle mussten Gepäckstücke tragen, auch das «Kistle« mit dem versteckten Familienschmuck war dabei. Als alle erschöpft waren, beschlossen Mutter und Großmutter Erika Albert und einen ihrer Brüder mit einem Teil des Gepäcks zurückzulassen, ohne sie weiter zum Zug zu gehen, und dann die beiden Kinder samt Gepäck, darunter das «Kistle«, nachzuholen.

Während die Kinder warteten, kam ein amerikanischer Soldat vorbei und fragte die Kinder aus. Erika Albert konnte etwas Schulenglisch und versuchte den Sachverhalt zu klären und nannte den Zug samt Waggonnummer. Daraufhin schnappte der Amerikaner das »Kistle«, schwang es sich auf die Schulter und zog davon. Die Kinder liefen ängstlich hinterher in Sorge um die Kiste samt Inhalt. Er lieferte die Kiste aber im Waggon Nr. 25 ab, alle waren heilfroh und dem Soldaten dankbar für seine Hilfe!

Die Familie Eßig lebte ab 1945 in Stuttgart beengt in dem 1913 erbauten und nun halb zerstörten Haus der Familie Eberhardt (dem Elternhaus von Erika Alberts Mutter) im Eulenrain 45. Von da aus ließ sich der Vater aufs Land nach Dagersheim bei Böblingen als Lehrer mit Dienstwohnung versetzen. Da das Geld für Möbel nicht reichte, wurde nun der Familienschmuck verkauft (viel zu billig wie man fand) – und alle Teile bis auf eine Brosche, die zuvor von Erika Alberts Mutter an ihre Schwiegermutter verschenkt worden war. Später erbte die Enkelin Erika Albert dann die Brosche wieder von ihr.

Das verschließbare «Kistle« diente noch lange nach dem Krieg Erika Alberts Bruder beim Studienaufenthalt in der Studentenbude; er lieh es dann einem Kommilitonen bei dessen Auszug und sah es nie wieder.

Im November 2008 schenkte Erika Albert die kleine Granatbrosche samt Geschichte dem Stadtmuseum Stuttgart.

Ausdruck vom 16.12.2017
http://www.stadtmuseum-stuttgart.de/280.html